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IRAK-KONFLIKT - WORUM GEHT ES?

6.2.2003

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Wann beginnt der Krieg? Diese Frage stellen sich viele Menschen rund um den Globus. Die Frage nach dem "ob" scheint niemand mehr zu stellen, zumal viele Politiker den Eindruck erwecken, als sei dies bereits beschlossene Sache: Die USA werden mit mehr oder weniger willigen Allierten an ihrer Seite nach Bagdad marschieren und dem Baath-Regime des Saddam Hussein ein Ende bereiten. Mit UN-Mandat - schön, ohne völkerrechtliche Grundlage - auch gut! Wird damit die Idee der Völkergemeinschaft den Vormachtansprüchen der US-Regierung geopfert?

Es ist sicherlich unbestritten, dass Saddam Hussein ein Diktator ist, der - um seines persönlichen Machtanspruches willen - Verbrechen gegen das irakische Volk, gegen die kurdischen und schiitischen Minderheiten im Lande, gegen viele Iraner und Kuwaiter begangen hat. Es gab und gibt immer noch Massenhinrichtungen von Oppositionellen, Folter, Vertreibungen. Es gab Giftgasangriffe auf kurdische Dörfer und auf iranische Soldaten im ersten Golfkrieg. Wie Vampire saugen Saddam Hussein, seine Söhne und andere Verwandte und nicht zuletzt die Clique der Gefolgsleute aus seiner Heimatstadt Takrit das Land aus.

Worum aber geht es eigentlich in diesen Tagen? Um die Entwaffnung eines gefährlichen Irren wie Verteidigungsminister Rumsfeld vor einiger Zeit äußerte, um die Befreiung des irakischen Volkes und den Kristallisationspunkt für das Entstehen von Demokratie im Nahen Osten (so die offizielle Begründung der Sicherheitsberaterin Condoleeza Rice), oder doch um "Blut für Öl" wie Friedensgruppen mutmaßen?

Betrachtet man die diplomatischen Schachzüge und die unterschiedlichen Allianzen für und gegen einen Kriegseinsatz, könnte man genauso gut schlussfolgern, es ginge in erster Linie um die zukünftige Machtverteilung in der Welt.

Da sind die USA, unangefochten an der Spitze eines Bündniskonstruktes, das die UNO schwächt, weil ein Krieg auch ohne Mandat möglich scheint und eine Ächtung durch den Sicherheitsrat oder die Vollversammlung wohl nur ein frommer Wunsch bleiben wird. Andererseits differieren die Positionen der Europäer, so dass kein Gegengewicht gegen die strategischen Pläne der US-Regierung entstehen kann.

Frankreich und Deutschland sehen sich als treibende Kraft der europäischen Einigung und müssen nun erkennen, dass ihre Auffassung in Bezug auf die Kriegsfrage bei den anderen europäischen Staaten nicht unbedingt auf Gegenliebe stößt.

Vielmehr kommt jetzt zum Vorschein, dass es nicht weit her ist mit einer gemeinsamen europäischen Außenpolitik. Die einzelnen Staaten legen ihre Position ausschließlich im Hinblick auf das Verhältnis zur Supermacht USA fest. Es geht darum, auf das richtige Pferd zu setzen und am Ende an Einfluß zu gewinnen.

Spanien nähert sich der britischen Position an und die Beitrittskandidaten sehen in dieser eine größere Zukunft als im Konsens mit Frankreich und Deutschland.

Wahrscheinlich sind diese Überlegungen strategisch richtig!

Es findet so etwas wie eine Neuordnung der Machtverhältnisse statt, sozusagen eine Globalisierung der nationalen Interessen. Wenn "es hart auf hart kommt", hält man sich als Staat lieber an die USA, aus wirtschaftlichen, aus militärischen und aus opportunistischen Erwägungen heraus. Die UN ist de facto abhängig von Amerika, die EU nur ein gut strukturierter Wirtschaftsraum, aber kein globaler Machtfaktor. Welche Alternativen könnte es denn geben?

Als Beispiel: Deutschland, hier statuieren die amerikanischen Diplomaten ein Exempel. Seht her, so ergeht es einem Verbündeten, der den "großen Bruder" zu arg kritisiert - er wird geschnitten, ist immer mehr isoliert - "old europe". Die Frage ist nur, auf welcher Ebene? Weltpolitisch, europapolitisch, sicherheitspolitisch, vielleicht auch irgendwann wirtschaftspolitisch? Niemand aber stellt die Frage nach einer möglichen Moralität der deutsch-französischen Position!

   

Eine Renaissance des Nationalstaates?

Man darf sich nicht der Illusion hingeben, es habe jemals eine andere als eine religiös beeinflusste nationalstaatliche amerikanische Außenpolitik gegeben ("God bless America"), Globalisierung hin oder her!

Krieg als "Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln" war immer schon ein opportuner Bestandteil der amerikanischen Außenpolitik. In den Stellvertreterkriegen während des kalten Krieges in Afrika (Angola, Äthiopien), Süd- und Mittelamerika (Chile, Argentinien, El Salvador), bei der Einsetzung von amerikafreundlichen Regimen (Batista in Cuba), der Absetzung vermeintlich kommunistischer Regierungen (Allende) - immer waren auch amerikanische Berater oder sogar Spezialeinheiten vor Ort.

Nur so offensichtlich wie jetzt zum Bestandteil auch der offiziellen Politik hat diesen Teil der "Staatsräson" bislang keine amerikanischen Regierung gemacht!

Das neue Strategiepapier der US-Verteidigungsexperten, welches die Abschreckungspolitik (also das massive REAGIEREN auf einen Angriff) gegen eine Präventivpolitik austauscht (also die Möglichkeit des PRO-AGIERENS bei vermeintlicher Gefahr) macht nur das zu offizieller Politik, was vorher schon in den Aufgabenbereich der Geheimdienste fiel.

Somit muss sich jetzt jeder Staat fragen, ob er nicht gewissermaßen auf einer "schwarzen Liste" der Ziele steht, die in Folge einer "Prophylaxe" in das Fadenkreuz amerikanischer Bomber geraten könnten. Nordkorea hat bereits reagiert: "Sicherheitshalber" wird das Nuklear-Programm wieder gestartet, denn gegen das "Prophylaxe-Programm" der Amerikaner scheint es nur ein zuverlässiges Mittel zu geben - Massenvernichtungswaffen, je mehr und je schneller desto besser!

Vielleicht beschwört diese neue Verteidigungsstrategie genau das herauf, was zu verhindern eines seiner Ziele ist: einen neuen Rüstungswettlauf, diesmal allerdings mit sehr viel mehr Mitspielern. Ein Schachspiel wie Kalten Krieg mit der Sowjetunion und China wird es nicht mehr geben!

Und Deutschland? Werden Kanzler Schröder und Außenminister Fischer ihre Position überdenken und gegebenenfalls modifizieren, genau so wie Frankreich im Moment keine endgültige Entscheidung für oder gegen den Krieg trifft, die am Ende dazu führen könnte, wirklich an Einfluss zu verlieren? Den Briten mit Hilfe der USA die Vormacht in Europa überlassen? Undenkbar für die "Grande Nation"!

Allerdings ist Deutschland nur eine relativ kleine Mittelmacht und hat eigentlich nichts an Einfluss zu verlieren. Deshalb wohl reagieren die US-Regierenden, allen voran Verteidigungsminister Donald Rumsfeld so brüsk: "Was bilden sich diese Deutschen eigentlich ein!?" Und doch ist die deutsche Position wichtig, selbst wenn es zum Krieg kommen sollte:

Je mehr die US-Regierung, allen voran Präsident Georg W. Bush, den Eindruck erwecken möchte, alles unter Kontrolle zu haben, desto warscheinlicher scheint es, dass die Regierenden nicht mehr den "Durchblick" haben in einer Welt, die aus den Fugen geraten ist.

Und was, wenn der Irak-Konflikt keinen anderen Sinn hätte, als dies zu verbergen: die Unkontrollierbarkeit der Welt im 21. Jahrhundert?

FW

Links:

US-Außenpolitik im 20. Jahrhundert

CIA - The World Factbook 2002 -- Iraq

Foreign Policy Watch

The National Security Strategy of the United States of America

An analysis of The National Security Strategy

"Wir fangen mit dem Irak an"